Gefühl versus Verstand

Kannst Du dir vorstellen, dass Deine Gedanken für Deine Gefühle zuständig sind? Hältst Du es für möglich, dass Du dir selbst jede Menge Stress mit Deinen irrationalen Überzeugungen machst? Du kennst bestimmt die olle Weisheit „Jeder ist seines Glückes Schmied“… klingt abgedroschen, ist aber so. Schon der antike Philosoph Epiktet sagte „Nicht die Dinge erschüttern die Menschen, sondern ihre Sicht von den Dingen.“

Wenn Du Dich jetzt fragst, was das mit Deinem Stress zu tun hat, dann schau mal auf diese 11 irrationalen Überzeugungen, die Menschen Stress machen. Wie viele treffen wohl auch auf Dich zu?

WARNUNG: Es könnte sein, dass Du Dich durch die ein oder andere Aussage provoziert fühlst. Das ist gut so, denn genau dort, lohnt es sich, dass Du genauer hinschaust.

Es ist tatsächlich leider so, dass wir gar nicht merken, wie sehr wir zu unserem eigenen Stress beitragen, denn wir tragen unzählige Gedankenmuster mit uns herum die uns Stress machen. Vielleicht kennst Du schon ein paar Deiner Gedankenmuster oder Glaubenssätze, vielleicht hast Du aber auch noch nie davon gehört oder näher hingeschaut (in diesem Artikel gibt es eine extra Übung zu Glaubenssätzen).

Wir Menschen werden in frühen Kindheitstagen von unseren Eltern und den Menschen in unserem Umfeld geprägt und erlebten Forderungen, die an uns herangetragen wurden. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, haben wir diese Forderungen zu unserer eigenen Sache gemacht und Verhaltensstrategien ausgebildet – die „inneren Antreiber“ (hier habe ich schon mal ausführlicher darüber geschrieben).

Wir haben gelernt, was die Anderen von uns wollen und wenn wir Konflikten aus dem Weg gehen wollen, ordnen wir unsere eigenen Forderungen freiwillig und bedingungslos unter. Später wird es dann immer schwieriger, zu differenzieren und bewusst zu entscheiden, ob wir uns heute immer noch so verhalten wollen, wie es in der Kindheit in bestimmten Situationen am besten war. Viele dieser Einflüsse, die zum Entstehen der „inneren Antreiber“ geführt haben, sind teilweise auch die Ursachen von Stress.

Hier findest Du 11 irrationale Überzeugungen, die Dir Stress machen können:

„Ich möchte von allen geliebt werden”

Ist das rational möglich? Willst Du wirklich von allen Menschen geliebt werden? Du kannst es niemals allen Menschen Recht machen – Du bleibst dabei auf der Strecke! Du kennst bestimmt den Spruch „Everybody’s Darling is everybody’s Depp!“ … willst Du das wirklich?
Im Ernst: Selbst die Menschen, die Du sehr magst und die auch Dich sehr mögen, finden bestimmte Handlungen oder Verhaltensweisen die Du zeigst nicht gut. Und das ist in Ordnung.

„Ich will unter allen Umständen kompetent und erfolgreich sein“

…damit Du Dich selbst als angemessen beurteilen kannst.
Wenn Du glaubst, dass Du immer perfekt sein musst, führt das bei einem Versagen dazu, dass Du Dich selbst herabsetzt, Dich selbst beschimpfst und dass Du Deine Selbstachtung mit Füßen trittst. Unbewusst überträgst Du das auch auf Deinen Partner, Familienmitglieder und Freunde. Mit dieser Überzeugung fühlst Du Dich häufig gelähmt und hast Angst davor etwas Neues in Angriff zu nehmen.

„Bestimmte Menschen sind schlecht, boshaft, doof… sie müssen für ihr „schlecht sein“ streng verurteilt und bestraft werden“

Realistisch eingeschätzt, verhalten sich Menschen unangemessen oder unsozial. Sie sind vielleicht dumm, ungebildet oder neurotisch und es wäre gut, wenn sie ihr Verhalten ändern könnten. Genau das, kannst Du aber nicht beeinflussen – Du kannst andere Menschen nicht verändern, Du kannst nur dich selbst verändern. Zum Beispiel Deine Sicht auf „solche“ Menschen.

„Es ist eine Katastrophe, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es gerne hätte“

„Verwöhntes Kind“-Syndrom – nennt das der Verhaltenstherapeut Albert Ellis. Auf jede Unbequemlichkeit, jedes Problem, jedes Versagen reagierst Du mit „schrecklich machenden“ Äußerungen – z. B. „Das darf ja wohl nicht wahr sein“ / „Kannst Du nicht mal aufpassen“ / „Was soll das denn?“ / „Ich hab’s ja gleich gewusst“ …
Das Ergebnis: Du machst dir selbst – und möglicherweise auch Anderen – jede Menge Ärger und Stress! Prüfe in solchen Situationen doch mal ganz rational, ob es das wert war. Stell Dich mal „neben“ Dich oder betrachte die Situation aus der Perspektive eines Vogels (also von oben) – was siehst Du wirklich – ohne die Situation zu bewerten?

„Dies oder Jenes könnte passieren – das macht mir Angst und ich lauere Gefahr“

Wenn Du dazu neigst, dir wegen einer bestimmten Sache, hunderte „Katastrophenszenarien“ vorzustellen, dann löst bereits nur die Vorstellung einen immensen Stress in Dir aus. Alle „wenn“ und „aber“ und „könnte“ und „müsste“ und „was passiert wenn, …“ sind Szenarien, die in Deinen Gedanken entstehen, Dich Stunden oder Tage beschäftigen, aber vermutlich nie so eintreffen werden. Was passiert stattdessen? Furcht und Angst machen sich in Dir breit und es wird immer schwieriger, unsicheren Situationen Herr zu werden und der Stress wird stetig größer. Die Folge: Jede Menge Stress, du kommst aber nicht ins Tun, nicht ins Handeln, alles bleibt wie es ist, der Frust wächst und der Stress bleibt.
Mein persönlicher Coach sagte neulich zu mir „Glaube nicht immer das, was Du selbst gerade denkst!“ – wie Recht er doch hat 😉

„Der, die oder das ist schuld, dass es mir schlecht geht!“

Wenn immer die Anderen oder die Umstände an Deinem Unglück schuld sind, hast Du wenige bis gar keine Möglichkeiten mehr, Deine Sorgen oder Dein unglücklichsein selbst zu beeinflussen. Die logische Konsequenz daraus: Du musst äußere Ereignisse und Umstände steuern können, um Kummer zu vermeiden. Mache Dir bewusst, dass das nahezu unmöglich ist. Wenn Du Dein Leben lang genau das versuchst, wirst Du Dich hilflos fühlen und ständig unter Angst leiden. Besser ist es, wenn Du Deine eigenen Gedanken und Gefühle kontrollierst.

„Ich nehme die Dinge wie sie sind – ich kann eh nichts daran ändern!“

Kannst Du das wirklich nicht? Bist Du Dir wirklich sicher, ob Du alle – wirklich alle – Möglichkeiten ausgeschöpft hast? Dahinter steckt nämlich die Vorstellung, dass es leichter ist, Schwierigkeiten im Leben, bestimmte Situationen, für die Du selbst verantwortlich bist, zu erleiden, anstatt dass Du Dich mit der Situation konfrontierst. Stattdessen betrachtest Du nur die momentanen Vorteile Deines Verhaltens und die vielen Nachteile und Probleme, die Dein Verhalten mit sich bringen, die übersiehst Du.

„Ich brauche sie oder ihn, denn sie oder er ist stärker als ich und auf sie oder ihn kann ich mich immer verlassen!“

Mit einem solchen Glauben begibst Du Dich in Abhängigkeit – wo bleibt dabei Deine Einzigartigkeit und Deine Unabhängigkeit? Es ist unmöglich, gleichzeitig man selbst zu sein und dabei völlig abhängig von einer anderen Person (oder mehreren) zu sein!

„Wegen meiner schwierigen Vergangenheit, sind die Dinge heute so wie sie sind“ oder „Wegen meiner schwierigen Vergangenheit, geht es mir heute so schlecht“

Wenn Du stets daran glaubst, dass Deine gegenwärtige Situation von Deiner Vergangenheit abhängt („nur weil…“) und diese immer Einfluss auf das Heute hat, gibst Du Dir niemals die Chance, das Heute ganz neu zu betrachten. Lösungen liegen in der Gegenwart und nicht in der bescheidenen Vergangenheit. Aus früheren Erfahrungen kannst Du lernen, mache Dich aber nicht zum Sklaven Deiner Vergangenheit!

„Ich mache mir große Sorgen um… – er/sie hat sooo viele Probleme“

Machst Du dir ständig Gedanken um die Sorgen und Probleme anderer? Die Probleme der Anderen haben häufig wenig bis nichts mit Dir selbst zu tun. Du hast keine Macht über die Anderen… oft dient diese Sorge nur der Ablenkung von Dir selbst.

„Es gibt nur die eine richtige, perfekte und präzise Lösung für meine Probleme!“

Und wenn Du die nicht findest, dann ist es eine Katastrophe. Sinnvoller ist es, wenn Du die Realität akzeptierst und Dir nicht ständig einredest, dass Du Dich restlos beherrschen musst, dass Du immer die optimale Lösung parat haben musst und immer Herr der Lage sein musst.

John Lennon soll gesagt haben „Leben ist das was passiert, während Du eifrig dabei bist andere Pläne zu schmieden.

 

 

Hand aufs Herz: Wie oft hast Du Dich wiedererkannt? Wie viele dieser irrationalen Überzeugungen trägst Du in Dir?

Lass uns zunächst einen Blick darauf werfen, welche Gedanken (oder Überzeugungen) von RATIONALER Natur sind?
Woran erkennst Du rationale Gedanken?

 

 

Rationale Gedanken

  • Rationale Gedanken sind wahr.
    Das heißt, sie basieren auf Fakten – also auf bekannten Tatsachen. Wenn Du jetzt von einer bestimmten Situation behauptest „Ich weiß, dass es so ist!“, dann prüfe bitte für Dich: Woher weißt Du das? Hast Du die betreffende Person gefragt oder die Situation auf Fakten geprüft? Oder basiert Deine Überzeugung aus Deinen Gedanken? Sei bitte ehrlich zu Dir selbst.
  • Rationale Gedanken helfen Dir, das zu erreichen, was Du erreichen willst.
    Hinterfrage deine Sorgen und Ängste ganz genau (rational) und prüfe, welche dienlich und welche hinderlich sind.
  • Rationale Gedanken helfen Dir, Gefühle, die Du nicht haben möchtest, zu vermeiden oder zu verhindern.
    Dies bedarf einiger Übung – hier geht es um eigene Glaubenssätze, Erinnerungen und Erfahrungen, die uns tatsächlich rational kaum bewusst sind. Erst wenn man ihnen auf die Spur kommt, kann man auch aktiv an und mit ihnen arbeiten.
  • Rationale Gedanken helfen Dir, Konflikte mit Deiner Umgebung, die Du nicht willst, zu vermeiden oder zu verhindern.
    Wenn Du dich selbst besser kennst, gelingt es dir auch, anders zu kommunizieren. Das was wir meinen und das was wir sagen, ist meist nicht das, was beim Anderen so ankommt wie wir meinen es zu sagen… klingt kompliziert? Ist es auch 😉 Deine Art zu kommunizieren hängt stark mit deiner Persönlichkeit zusammen. Die Teilnehmer meiner Seminare erleben regelmäßig Aha-Erlebnisse bei sich selbst und erkennen, wie sie häufig von anderen wahrgenommen werden und warum es zu Konflikten kommt.

 

Rational denken heißt, die Dinge im Leben so zu sehen, dass Du mehr von dem bekommst, was Du Dir wünschst und weniger von dem, was Du nicht magst.

Und hier mein Praxis-Tipp!

Damit Du Deine eigenen Gedanken auf Irrationalität oder Rationalität überprüfen kannst, hier einige hilfreiche Fragen, die Du Dir selbst stellen kannst:

  • Gibt es für Deine Bewertung einen Beweis?
  • Wieso musst Du? Du könntest auch anders handeln.
  • Wird sich etwas ändern, nur weil Du es verlangst?
  • Wie wirst Du Dich fühlen (oder verhalten), solange Du das glaubst?
  • Hilft Dir Deine Bewertung Dich so zu fühlen zu verhalten, sie Du gerne möchtest
  • Was könnte schlimmstenfalls geschehen?
  • Hilft Dir Deine Angst weniger Fehler zu machen?
  • Ist es wirklich unmöglich für Dich, etwas „Schreckliches“ zu ertragen? Könntest Du es, wenn Du 100.000 € dafür bekommen würdest? Warum könntest Du es dann nicht, um Deine Ziele zu erreichen?
  • Stell Dir vor, ein Freund hätte Dein Problem. Was würdest Du ihm raten?

Ich wünsche Dir,

  • einen klaren Kopf
  • ein gutes Bauchgefühl
  • Zuversicht
  • und, dass Du Schritt für Schritt, in Deinem Tempo deinen Weg der Persönlichkeitsentwicklung gehst.

Herzliche Grüße

Sandra

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