©iStock Goldfisch tobkatrina

 

Ein Gastartikel für meinen Blog von Sandra Brauer, Veränderungsbegleiterin aus Hamburg

Für den einen ist die Digitalisierung bereits im (Arbeits-) Alltag angekommen, für den anderen bedeutet sie noch das große Fragezeichen. Was wir gesellschaftlich durch digitale Tools an Unterstützung erfahren, ist für den einen bewusster für den anderen weniger bewusst spürbar. Die Digitalisierung und auch die Globalisierung ermöglichen uns ein weltweites Netz an Kontakten aufrecht zu erhalten, vielfältige Kommunikationswege zu beschreiten und eine Vielzahl unserer Bedürfnisse auszuleben, aber auch in einer hohen Geschwindigkeit und einer großen Menge an Erlebnissen unterwegs zu sein.

Was geschieht mit uns, wenn Arbeitsprozesse und unser privates Umfeld weiter digitalisiert werden?

Welche Veränderungen erleben wir derzeit? Was macht das mit uns und wie reagieren wir auf unsere sich ständig wandelnde Umwelt? Und vor allem, welche Möglichkeiten haben wir, unsere Zukunft mitzugestalten?

Der Kontakt zu Sandra Liane Braun ist über die Social Media Welt entstanden und ich bin der Digitalisierung sehr dankbar, dass wir uns bei Facebook begegnet sind und uns vor kurzem via Skype ausgetauscht haben. Der Kontakt zweier Kolleginnen in Hamburg und dem Saarland wäre sonst nicht ohne weiteres zustande gekommen. Es ist schön zu erfahren, dass es noch zahlreiche andere Menschen gibt, die unsere Welt durch Ihr Handeln positiv beeinflussen möchten.

Digitales Bewusstsein – Wortspielereien und Definitionen

Was ist eigentlich dieses Bewusstsein? Den ersten Kontakt zu diesem Wort habe ich über meine Fortbildung zur Achtsamkeitstrainerin aufgenommen. Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert Bewusstsein als (im weiteren Sinne) erfahrbare Existenz geistiger Zustände und Prozesse. Wer also denke, sich erinnere, plane oder etwas erwarte, hätte ein gedankliches Bewusstsein.

Nach dieser Definition lässt sich auch wunderbar das Selbstbewusstsein ableiten: Sich seiner selbst bewusst sein, über sich nachdenken können, und seine Begrenzungen und Kompetenzen reflektieren zu können und sich dieser bewusst sein.

Kommen wir nun zu dem Begriff “digital”:

Nach Paul Watzlawick (u. a. Kommunikationswissenschaftler und Autor des Buches „Die Anleitung zum Unglücklichsein) unterscheiden wir unsere Kommunikation in digital und analog. Bei der digitalen Kommunikation wird einem Objekt willkürlich ein Begriff zugeordnet. Der Begriff an sich hat mit dem Objekt nichts zu tun. Er ist lediglich so definiert und wird von uns in unserer Sprache und Schrift so verwendet. Bei dieser Art der Kommunikation werden überwiegend Inhaltsaspekte übermittelt. Die analoge Kommunikation hingegen übermittelt vor allem Beziehungsaspekte. Unter analog werden Kennzeichnungen verstanden, die grundsätzlich eine Ähnlichkeitsbeziehung zu den Gegenständen haben (z. B. Mimik, Gestik, Körperreaktionen). Auf der Inhaltsebene wird überwiegend digital kommuniziert, auf der Beziehungsebene überwiegend analog. Wie wir häufig selbst schon spüren konnten, bedarf es einiges an Übung, um gut mit dem Gegenüber im Gespräch zu sein. Watzlawick empfiehlt für eine gelungene Kommunikation analoge und digitale Kommunikation gleichermaßen zu verwenden. Zur Veranschaulichung soll folgendes Beispiel dienen:

Eine Schülerin (1./2. Klasse) hat vergessen ihre Hausaufgaben zu machen und fragt den Lehrer, ob er sauer sei. Dieser antwortet lächelnd und in ironischem Ton „Oh ja, sogar sehr.“ Erwachsene kennen die Widersprüchlichkeit von digitaler und analoger Modalität und wissen, dass das Gesagte nicht wörtlich gemeint sei. Die Schülerin versteht diesen Unterschied noch nicht und wird entweder verwirrt sein oder glaubt, dass der Lehrer tatsächlich sauer ist. Digital war demnach die Botschaft auf der Inhaltsebene, analog die Mimik sowie der Ton der Formulierung.

Digitales Bewusstsein – eine mögliche Definition

Unter digitalem Bewusstsein definiere ich für mich, dass wir uns der Art und Weise unserer Kommunikation vor allem über digitale Tools wie Smartphone, Mail, Skype etc. und die Nutzung dieser bewusster werden. Digitales Bewusstsein aufzubauen gilt für mich als der Schlüssel in unserer technologisierten, kommunikativen und beschleunigten Welt, damit es uns kurz-, mittel- und langfristig gut geht.

Gewiss kann man bei längerem Nachdenken mehrere Dimensionen des digitalen Bewusstseins beschreiben: z. B. jenes Bewusstsein, welches einen dabei unterstützt körperlich fit zu bleiben (Körperhaltung, Bewegungsmangel, Gehör, Sehfähigkeit) oder auch der Aspekte der Nachhaltigkeit (Überdenken des Stromverbrauchs, Materialverbrauchs, Wasserverbrauchs etc.) sowie der Blick auf digitale Kompetenzen (Anwendung von Apps, Umgang mit Daten etc.). In diesem Beitrag geht es für mich eher um die Auswirkungen auf kommunikativer Ebene, auf das Anspannungslevel sowie auf potenzielles Suchtverhalten durch die Nutzung digitaler Tools. Die Ausführungen dazu dürfen gern als Impulse genutzt und weitergereicht werden. Denn bereits das Lesen und mit anderen darüber ins Gespräch kommen, kann Veränderungen in Deinem Bewusstsein ermöglichen.

Du möchtest Dein eigenes Verhalten Reflektieren? Hier sind 19 Fragen für Dich:

  • Hast du schon mal darüber nachgedacht, welche digitalen Tools und Technologien du Tag für Tag verwendest?
  • Womit wirst du morgens geweckt?
  • Läuft beim Duschen Musik, aus welchem Empfangsgerät?
  • Womit kaufst du Dir Deine Fahrkarte für öffentliche Verkehrsmittel?
  • Wie findest du den Weg zu einem Ort, an dem du bisher nie gewesen bist?
  • Wie hältst du Kontakt zu Freunden, Verwandten, Bekannten, Geschäftskontakten, Kollegen, Nachbarn?

Denk mal drüber nach! Nicht ändern, nur darüber nachdenken.
Auf welche digitalen Tools könntest du nicht verzichten?

Und jetzt wird es spannend.

  • Geht es Dir gut damit, bekommt Dir die Nutzung?
  • Kannst oder möchtest du darauf verzichten?

Digitales Bewusstsein zu entwickeln hat für mich mit einer Reihe von Fragen zu tun. Die Fragen gelten als Input in Dein System. Du darfst über diese nachdenken und schauen, welche Antworten du für Dich findest.

Wenn ich von digitalem Bewusstsein spreche oder schreibe, dann dient dieses als Appell an jeden einzelnen das eigene Bewusstsein zu reflektieren und ggf. anzureichern. Werden uns Dinge bewusst, dann ist dieses der erste Schritt für eine Veränderung. Veränderungen sind jedoch erst notwendig, wenn uns etwas beschwerlich vorkommt und wir Leid oder Mangel spüren.

Ein wunderbares Beispiel ist für mich immer wieder der Empfang zahlreicher Newsletter. Vor ein paar Monaten habe ich auf meinen Social Media Kanälen meinen Lesern die Frage gestellt, wie viele Newsletter sie erhalten. Wie viele von diesen sind wirklich relevant, welche lohnt es sich trotz knapper Zeit tatsächlich zu lesen? Nicht nur ich, sondern auch einige anderen sind seitdem im Prozess, sich von Newslettern abzumelden. Ein Kollege erzählte mir, dass es über 30 Abmeldungen waren. Ebenso kannst du Dir, solltest du ein Profil bei Xing haben, die Frage stellen: in wie vielen Gruppen bist du Mitglied? Von wie vielen erhältst du Einladungen, Informationen, die du nicht verarbeiten kannst? Soll dies so bleiben oder lohnt es sich etwas zu ändern?

Reflektiere weiter – Deine aktive digitale Kommunikation

  • Welches ist Dein Kommunikationskanal Nr. 1, beruflich und privat?
  • Wie unterscheiden sich diese?
  • Kennst du die Funktion an Deinen Geräten, Programmen die Benachrichtigungen zu eingehenden Mails oder Nachrichten ausschalten?
  • Wenn ja, hast du schon mal darüber nachgedacht diese zu verwenden?
  • Tust du das bereits?
  • Wie häufig ist ein Austausch per E-Mail wirklich sinnreich?
  • Gibt es andere Kommunikationskanäle, vielleicht auch analoge, die Gespräche verbessern oder den Austausch mehrerer Parteien beschleunigen?
    (Hier sei noch einmal der Bogen gespannt zur Watzlawickschen Definition von digital und analog. Er empfiehlt eine Vermengung beider Modi zum besseren Verständnis.)
  • Und jetzt denk mal darüber nach, zu wie viel Anteil kommunizierst du digital und zu wie viel analog?
  • In welchem Modus entsteht ein besseres Verständnis unter den Kommunikationspartnern?
  • Wann ist dieses gut möglich und lässt sich das öfter umsetzen?

 

Die Hamburger Kinder-Demo

Kinderdemo Hamburg
Quelle: Facebook

Was ich bedenklich finde, dass es in Hamburg inzwischen eine Aktion inklusive Demo eines Grundschulkindes gab, das seine Eltern auffordert, das Handy wegzulegen. Oftmals habe ich in den vergangenen Monaten, vor allem in Supermärkten, Eltern beobachtet, die in einer Parallelwelt im Smartphone versunken waren. Die Kinder versuchten mit Ihnen zu kommunizieren, haben die Welt drumherum wahrgenommen, ohne die Möglichkeit der Reflektion des Erlebten oder Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Muss bzw. sollte das so bleiben? Ein weiteres praktisches Phänomen sind diese Bluetooth-Kopfhörer, sehr praktisch ohne Kabel. Nur sehr irritierend, wenn plötzlich hinter Dir an der Kasse jemand anfängt zu erzählen und weder der Kassierer noch du oder die nachfolgende Kundin aktiv am Gespräch beteiligt sind. Das ist ähnlich des Phänomens, an das wir uns längst beinahe gewöhnt haben, dass Menschen via Handy anderen Menschen wiederum intime Auszüge aus ihrem Leben in öffentlichen Verkehrsmitteln preisgeben und die ganze Welt hört mit. Muss das so sein, machst du da mit oder möchtest du das für Dich anders gestalten?

 

Ich habe bisher noch keinen Artikel geschrieben, in dem ich so viele Fragen gestellt habe. In diesem jedoch bewusst und mit voller Absicht. Vielleicht fallen Dir sogar noch weitere ein, vielleicht magst du direkt unter diesem Beitrag ergänzen, in welchen Bereichen Deines und vielleicht auch unseres Lebens mehr digitales Bewusstsein auch hilfreich sein könnte.

Wenn du anfängst darüber nachzudenken wie du Dich verhältst und ob es Dir guttut so wie es jetzt gerade ist, dann hast du die Möglichkeit zu erfahren, wo Deine Begrenzungen und auch Deine Kompetenzen und Möglichkeiten liegen. Und über dieses bewusst innezuhalten und zu reflektieren, kann es sukzessive gelingen, ein Bewusstsein im Umgang mit digitalen Tools zu entwickeln und mit diesen selbstbewusst und eigenbestimmt umzugehen.

Stell Dir vor, Dein digitales Bewusstsein verändert sich ein wenig, wodurch würde sich das bemerkbar machen? Was wäre im Job anders, was würde Dein privates Umfeld bemerken?

Mit dem Appell für ein anderes digitales Bewusstsein möchte ich keine Vorgaben geben, wie du Dich zu verhalten hast. Das einzige, was mein Wunsch und Anliegen ist,

  • ab und an aus der Autobahn unseres Lebens auszusteigen bzw. kurz Rast zu machen und zu schauen, wo wir uns eigentlich gerade befinden.
  • Ist die Richtung noch die richtige?
  • Gefällt es uns dort gerade oder darf es eine andere Abzweigung sein?

Immer mit der Idee Dein Leben zufrieden, gesund und vielleicht sogar glücklich zu gestalten.

 


Die Autorin Sandra Brauer über sich:

Sandra Brauer - VeränderungsbegleitungIm letzten Jahr habe ich für mich die Entscheidung getroffen, mich selbstständig zu machen. Weg von dem Weg einen passenden Job zu finden, der Neigungen, Kompetenzen und Interessen vereint und dazu noch einen Rahmen bietet, in dem glückliches und gesundes Arbeiten möglich ist. Seitdem begleite ich Unternehmen in Veränderungsvorhaben. Sei es eine Begleitung nach, vor oder während einer Reorganisation oder auch die menschliche Gestaltung einer Softwareeinführung.

Mein zweiter Schwerpunkt ist die Begleitung und Beratung von Einzelpersonen in persönlichen Veränderungsvorhaben, ganz gleich ob beruflich oder privat. Mein Angebot umfasst neben der Gesprächsführung nach systemischen Grundsätzen die Vermittlung von Kompetenzen aus dem Stressmanagement, dem Achtsamkeitstraining sowie wertschätzender Kommunikation.

Fragt man mich nach meinem persönlichen „Why“ wäre meine erste Antwort immer: „Unsere Welt ein klein wenig besser machen.“ Konkreter geht es mir um das Wohlbefinden der Menschen im privaten Umfeld und in Organisationen, welches meiner Meinung nach durch Zufriedenheit und Gesundheit möglich wird. Ich sehe auch zunehmend davon ab, in Arbeits- und Freizeit zu unterteilen. Es ist alles Lebenszeit, die wir für uns gestalten und nutzen können.  Und genau darum geht es auch in diesem Artikel: Durch ein (digitales) Bewusstsein, vielleicht auch ein anderes als bisher, ein gesundes und zufriedenes Leben gestalten und führen.

Sandra Brauer – Veränderungsbegleitung mit System – ist Diplom-Kauffrau,Trainerin für Stressmanagement und Achtsamkeit und systemische Beraterin.
Sandra findest Du unter www.sandrabrauer.de und auf Facebook,Instagram,Twitter und LinkedIn.

 

2 thoughts on “Stressfaktor Digitalisierung: 19 Fragen zur Selbstreflektion

    1. Danke für Deinen Kommentar liebe Claudia 🙂
      Ich bin auch “sehr digital”, habe aber vor einigen Monaten für mich festgestellt, dass ich gerne in meine sogenannte “Smartphone-Falle” trete… da bin ich achtsamer geworden, denn ich habe gemerkt, dass es mir nicht gut tut.
      Schöne Grüße an Dich
      Sandra

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